Montag, 24. Oktober 2011

Lass uns über Geld reden…

Wann und mit wem?

Ich habe heute zwei Stunden mit meinem einem MLP Berater über Geld geredet. Etwas was ich sehr ungerne und nur selten mache. Ich mache das nicht deshalb nur selten und eigentlich nur mit ihm, weil ich besonders wenig (oder viel) habe - was heißt schon "haben" oder "viel"? -  sondern weil mir das Thema so unvertraut ist und es so unüblich ist darüber zu reden.
"Über Geld redet man nicht, man hat es"
Meine Eltern haben mit mir über Sex geredet, über Drogen und Politik, das war fruchtbar und wertvoll und ich will es nicht missen. Ich glaube sogar, dass ein Teil von dem was mich ausmacht auf dieser Offenheit Dinge zu besprechen fußt. Aber sie haben nie mit mir über Geld geredet, ich vermute, weil sie es auch nicht viel besser wissen, zumindest kann ich nicht einschätzen ob sie es besser wissen.

Ich kann muss mich entscheiden

Als ich noch Student war stellte sich die Frage nicht. Ich hatte genug Geld um zu leben und habe hin und wieder ein bisschen was zurückgelegt. Das habe ich dann spätestens zwei Monate später wieder ausgegeben, entweder für die Nebenkostennachzahlung oder für ein neues Handy. Aber ich verdiene inzwischen mehr Geld als ich ausgeben müsste, ich kann meinen Grundbedarf an Wohnung, Nahrung, Kommunikation und Kultur finanzieren und es bleibt übrig. Solange ich nicht darüber nachdenke werde ich aber auch das was übrig bleibt für genau diese Posten ausgeben. Statt Käsebrot Joeys Pizza, statt eines gebrauchten Laptops einen neuen und vielleicht hier und da ein Buch oder ein Kinobesuch mehr. Nichts substantielles aber deutlich mehr Lebensqualität.
Auf der anderen Seite steht die ungewisse Zukunft, es drohen mir Krankheiten, Unfälle, Pech und unausweichlich das Alter. Und wenn ich mit Versicherungsvertretern, Finanzberaterinnen rede klingt es so als ob mir morgen ein Sattelschlepper meine Hände abtrennt, mein Gebiss entzahnt , ich vom dunkelsten Burn-Out-Syndrom einer Depression heimgesucht werde und als ob Norbert Blüms „Die Rente ist Sicher” sich als Barth'scher Kalauer entpuppt.
Soll ich aus den vollen oder sparsam leben?

Trau! schau! wem?

Kann ich den als Stimmen der Vernunft verpackten Mahnungen glauben überhaupt? Sind die, die mir da Ratschläge geben nicht wie Taxifahrer in Ländern deren Schriftzeichen ich nicht lesen kann? Ich kenne nur grob das Ziel, aber weder die Straßen noch den Verkehr und mich beschleicht beständig die Angst, dass der Weg den Sie nehmen für mich nicht optimal ist? Denn natürlich leben die Beraterinnen und Vermittler von Provisionen und sind keine Altruisten, selbst wenn Sie das gerne behaupten. Vielleicht muss ich mich ja aber sogar in Ihre Hände begeben weil ich den Weg zum Ziel sonst nie erreiche? Vielleicht ist die unnütze Hausratversicherung der Preis dafür, dass ich mit 63, 67, 70 nicht mit einer mickrigen staatlichen Rente dastehe die mir Vollinvaliden gerade für die Busfahrkarte zur örtlichen Tafel reicht?
Ich weiß nicht ob ich eine Riester-Rente brauche? Mir ist schleierhaft Berufsunfähigkeitsversicherung abzuschließen hoch vernünftig ist? Soll ich lieber jeden Monat Geld zurückzulegen um mir in naher oder ferner Zukunft Dinge zu kaufen für die meine Portokasse jetzt (noch?) zu klein ist? Wo soll ich sparen und wenn ja wie viel? Ich weiß es nicht und fühle mich in der komplexen Welt der Erwachsenen verloren, was ich brauche ist einen vertrauenswürdigen Freund. Aber den finde ich wohl weder im Büro meiner Hausbank noch bei einem Erstsemestersektempfang im Foyer der Universität.

Das private ist politisch

Nirgendwo prallen politischer Anspruch und Realität so deutlich aufeinander. Ich mache keinen Hehl daraus, dass es mir durchaus recht wäre wenn, lieber heute als morgen die ganze Kackscheiße den Bach runter ginge und durch etwas besseres ersetzt werden würde. Es soll Leute geben die sagen das wäre bereits passiert.
Wenn ich mein Geld anlege vertraue ich es Menschen an die versuchen damit mehr Geld zu erwirtschaften - sie teilen diesen Gewinn sogar mit mir. Nur ist mir das System aus Geld Geld zu machen doch höchst suspekt.
Exkurs (kann übersprungen werden): Um mit Geld Geld zu erwirtschaften muss das mehr durch etwas weniger an anderer Stelle ausgeglichen werden. Entweder zerstöre ich die Umwelt, oder ich erhöhe die Arbeitszeit, oder ich drücke Löhne oder lasse das Fließband schneller laufen. Apple macht ja bekanntlich aus guten Ideen Geld. Aber um wirklich Geld mit Apple zu verdienen muss Apple nicht nur weiterhin gute Ideen haben (denn diese Erwartung hat sich ja bereits im Preis der Aktie niedergeschlagen) sondern mehr, bessere und häufiger gute Ideen haben. Die einzige Alternative zur tatsächlichen Wertsteigerung ist die Hoffnung auf Wertsteigerung, damit können wir zwar auch aus Geld mehr Geld machen, aber das geht nicht unbegrenzt. Irgendwann wird ein Teil dieser Hoffnungen erfüllt - der andere Teil platzt aber und macht aus viel Geld wenig Geld.
Ich wünsche mir aber für mich und alle anderen Menschen weniger und leichtere Arbeit in einer intakten Umwelt. Diesem Wunsch steht also die Idee Geld anzulegen, Zinsen zu kassieren* und Steuern zu sparen diametral gegenüber.
*) Ich habe nichts gegen Zinsen an sich, ich bezahle einen Preis dafür, dass jemand anders das Risiko eingeht das Geld nicht zurückzuerhalten, aber diese Zinsen müssen eben wie oben beschrieben erwirtschaftet werden.

Fazit

Wie passt das also zusammen? Nach dem Gesetz der Trägheit müsste meine Angst Geld mit dem ich mein Leben jetzt schöner machen könnte zu verlieren, gepaart mit meiner ideologischen Ablehnung dazu führen, dass ich eben keine Rentenversicherung abschließe und mich nicht gegen die Gefahren des Lebens versuche abzusichern.
Auf der anderen Seite plagt mich das schlechte Gewissen, ich habe das Gefühl es sei vernünftig und erwachsen Geld zurückzulegen, für schlechte Zeiten, für das eigene Haus, für ein sicheres Auto. Was nun? Ich weiß es nicht, ich müsste mal mit jemand über Geld reden…

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